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Was ist Psychosynthese?
Dieser erste explizit transpersonale Ansatz in der Geschichte der Psychologie und Psychotherapie unterscheidet zwischen drei Ebenen des Bewusstseins: Die unterbewusste, subpersonale Ebene mit den Trieben, Automatismen, Komplexen und „Teilpersönlichkeiten“, die personale Ebene mit dem Ich-Bewusstsein, dem persönlichen Willen und den Ich- Funktionen, und die überbewusste Ebene des „Transpersonalen Selbst“, jenes essenziellen Wesens, das uns atmet, lebendig sein lässt, ohne Form, Eigenschaft, Namen und Geschichte in uns weilt und annähernd erfahren werden kann, wenn das Ich transzendiert wird.
Das Tiefenstruktur-Modell (“Ei-Modell”) der Psychosynthese:
1. Das untere Unbewusste (Triebe, Instinkte)
2. Das mittlere Unbewusste (Gedanken, Gefühle)
3. Das höhere Unbewusste (Weisheit, Liebe)
4. Das Bewusstseinsfeld (Wahrnehmungen)
5. Das personale Selbst (=Ich)
6. Das transpersonale Selbst (=Seele)
7. Das kollektive Unbewusste (Archetypen)
Bei dem „Psychosynthese-Ei“ handelt es sich um die Darstellung einer optimalen Synergie der menschlichen Psyche. Das Ich wird durchlässig für das höhere, transpersonale Selbst, ähnlich wie bei einem klaren Kristall, der das Licht der Sonne in verschiedenen Spektralfarben reflektiert und in alle Richtungen abstrahlt.
Roberto Assagioli, der Begründer der Psychosynthese, unterschied zwischen personaler, interpersonaler und transpersonaler Psychosynthese. Die personale Psychosynthese beinhaltet die gründliche Analyse, Integration und Transformation der Teilpersönlichkeiten sowie die Schulung des Willens und der Ich-Funktionen. Mit den Methoden der interpersonalen Psychosynthese werden die Kooperation und Synthese von Wille und Liebe, die Transformation ihrer Verzerrungen und die vielfältigen Ausdrucksformen essenzieller Qualitäten gefördert. Die transpersonale Psychosynthese zielt auf die Kooperation und Synthese von Ich und transpersonalem Selbst ab.
Geschichte der Psychosynthese
Roberto Assagioli, der 1888 in Venedig geboren wurde, kann als einer der bedeutensten Tiefenpsychologen und erster transpersonaler Schulenbegründer bezeichnet werden. Er entwickelte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts den ersten transpersonal orientierten Ansatz der Psychologie und Psychotherapie, den er später Psychosynthese nannte.
Assagioli studierte Medizin in Florenz und wurde Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Zur selben Zeit beschäftigte er sich intensiv mit Psychologie, Philosophie, Buddhismus und Mystik. Später lernte er unter anderem Sri Aurobindo, Lama Govinda, Rabindranath Tagore, Hermann Hesse, Alice Baily sowie Abraham Maslow kennen.
Als italienischer Psychoanalytiker der ersten Generation formulierte er bereits 1909 die essenziellen Grundlagen seiner Psychosynthese. Einige seiner Artikel sind auch in der von Freud gegründeten und herausgegebenen medizinischen Monatszeitschrift, dem „Zentralblatt für Psychoanalyse“, zwischen 1909 und 1910 erschienen. Seine Doktorarbeit war sein erstes Grundlagenwerk zur Psychosynthese. Im Jahre 1926, nach vielen Jahren eigener ärztlicher und therapeutischer Tätigkeit, gründete Assagioli das erste Psychosynthese-Institut in Rom. 12 Jahre später wurde es von den Faschisten aufgrund seiner jüdischen Herkunft geschlossen, die ihn dann, genau wie Frankl, einige Zeit seiner Freiheit und Menschenwürde beraubten. Im Jahre 1944 eröffnete Assagioli ein neues Institut für Psychosynthese in Florenz. 1974 starb Assagioli im Alter von 86 Jahren.
Personale Psychosynthese
Grundsätzlich unterscheidet Assagioli zwischen personaler und transpersonaler Psychosynthese. In der personalen Psychosynthese werden die fragmentierten Teile der Persönlichkeit, die er Teilpersönlichkeiten nennt, erforscht, integriert und transformiert. Diese Teilpersönlichkeiten bestehen aus unterbewussten, bewussten und überbewussten Anteilen. Die unterbewussten Anteile sind meistens der Grund ihrer Verdrängung oder Abspaltung, analog zur Psychologie Jungs: unangenehme und unerwünschte Wesenzüge werden nicht akzeptiert und folglich verdrängt, abgespalten oder nach außen projiziert. Eine Teilpersönlichkeit hat jedoch im Unterschied zu einem Komplex auch immer transpersonales, überbewusstes Potenzial, das ebenfalls verdrängt, abgespalten und nach außen projiziert werden kann. Die Verdrängung transpersonaler Qualitäten wie Weisheit, Liebe, Kreativität, Freude und Einfachheit kann ebenso wie die Verdrängung der Komplexe zu Depressionen oder anderen neurotischen Störungen führen. Grundsätzlich ist aber jeder neurotische Persönlichkeitsteil, sei es der “innere Perfektionist” oder der “verantwortungslose Abenteurer”, in seiner innersten, essenziellsten Qualität gesund und vollkommen. Dieser Gedanke ist bei Assagioli neu und zentral, denn er bietet die Grundlage für die Transformation. Bei Jung, Fromm und Rogers endet der Prozess bei der Integration. Der verdrängte Inhalt oder vom Idealbild abgespaltene Aspekt der Persönlichkeit wird erkannt, akzeptiert und integriert. Assagioli hat noch zwei weitere Stufen anzubieten: Transformation und Synthese (vgl. Assagioli, 1978).
Um die Transformation einzuleiten, muss der Blick durch die äußere Erscheinungs- und Erlebnisform einer Teilpersönlichkeit, also durch die Verzerrung hindurch- und zur essenziellen Qualität vordringen. Was transformiert wird, ist die äußere Form, die Entstellung, die dafür verantwortlich ist, dass diese Teilpersönlichkeit bisher noch nicht wieder integriert werden konnte. Denn die Verzerrungen oder Entstellungen haben allesamt die Tendenz zur Fragmentierung gemeinsam. Daher kann davon ausgegangen werden, dass ohne Transformation die Integration eines verdrängten Teiles nicht von Dauer sein kann. In den humanistischen Therapieformen mag die Transformation in einigen Fällen unter günstigen Umständen auch stattfinden, doch wenn sie nicht bewusst beabsichtigt wird, bleibt sie eher dem Zufall überlassen. Die Transformation setzt die Integration voraus, denn solange der bislang unterdrückte, verurteilte, nichtgewollte und unangenehme Teil auch weiterhin nicht akzeptiert und schließlich in das eigene Selbstbild integriert wird, kann die darin enthaltene „dunkle Seite“ auch nicht verwandelt werden. Transformation erfordert jedoch noch eine neue, transpersonale Sichtweise. Angst ist nicht bloß eine unangenehme Emotion, die zum Leben dazugehört, sondern verdeckt auch ein ungelebtes, transpersonales Potenzial. Wenn dieses zum Ausdruck kommt und gelebt wird, ist die Angst überflüssig geworden und löst sich von allein auf.
Synthese bedeutet, dass keine Angst mehr besteht, die bislang verdeckten oder verzerrten essenziellen Qualitäten wieder frei zum Ausdruck gelangen und die Fragmentierungen der Persönlichkeit durch ihre Transformation zu einer Einheit zusammengefunden haben. Daher ist Synthese mehr als Integration. Neurotische Todesangst ist nach dem Psychosynthese-Modell z. B. als verzerrte Liebe zum Leben zu verstehen. Wut ist verzerrter Wille, der an der richtigen Stelle, zur richtigen Zeit oder auf die rechte Art und Weise nicht zum Ausdruck kam. Depression ist ungelebte Kreativität oder verzerrte Hingabe.
Die Personale Psychosynthese ist erfüllt, wenn alle Teilpersönlichkeiten von allen Verzerrungen befreit wurden und als Qualitäten, Stärken und Kompetenzen dem individuellen Bewusstseinszentrum frei zur Verfügung stehen.
Transpersonale Psychosynthese
Obwohl bereits in der Personalen Psychosynthese transpersonale Ansätze und Methoden zur Anwendung gelangen, wie z. B. meditative und kontemplative Verfahren, Imaginationen und Visualisierungen, zulassende wie auch evokative Verfahren, gibt es noch den ausschließlich spirituellen Bereich der Transpersonalen Psychosynthese, in dem sich das von Störungen und Behinderungen freie personale Selbst mehr und mehr auf das transzendente, transpersonale Selbst hin ausrichtet. Assagioli betont jedoch auch, dass nicht alle Menschen zur Transpersonalen Psychosynthese bereit sind:
„Ob wir das universelle Leben nun als göttliches Wesen oder als kosmische Energie betrachten, wir scheinen zu spüren, dass der Geist, der in allen Geschöpfen lebt und durch es wirkt, es in eine Ordnung, Harmonie und Schönheit formt und dabei alle Wesen miteinander durch Bande der Liebe vereint (einige davon bereitwillig, die Mehrheit jedoch noch blind und sich auflehnend), um damit langsam und ruhig, aber machtvoll und unwiderstehlich, die Höchste Synthese zu erreichen“ (Assagioli, 1978, S. 47).
Sie ist daher eine spezielle Erweiterung für Menschen, die mehr für ihr Leben beabsichtigen, als einfach nur zufrieden und erfolgreich zu sein. Sie entspricht etwa der Unterscheidung zwischen Selbsttranszendenz und Selbstaktualisierung bei Maslow. Die Prozesse von Personaler und Transpersonaler Psychosynthese können jedoch, anders als der Bedürfnispyramide Maslows entsprechen würde, auch parallel stattfinden. Die Erweiterung des Bewusstseinsfeldes, über die Grenzen der alten Identität hinaus, kann z. B. die Überwindung von Ängsten und Problemen beschleunigen. Die Motivation in der Transpersonalen Psychosynthese geht jedoch immer vom Transpersonalen Willen aus, den Assagioli in dem Zitat weiter oben als Geist bezeichnet hat und dessen Absicht die höchste Synthese ist. Dieser Heilungsprozess bezieht das kollektive Unbewusste mit ein, denn das eigene Wohl und das Wohl der Menschheit sind auf dieser Ebene nicht mehr zu trennen. Assagioli beschreibt, wie die Bewusstseinserweiterung bereits Teil des individuellen und kollektiven Heilungsprozesses ist:
„Eine der häufigsten Ursachen von Leid und Fehlverhalten ist die Angst, sowohl die individuelle Angst als auch die kollektiven Ängste, die die Menschen sogar in einen Krieg treiben können. Nun bringt die Erfahrung der überbewussten Realität die Angst zum Erlöschen. Jegliches Gefühl von Angst ist unvereinbar mit der Erkenntnis der Fülle und Dauerhaftigkeit des Lebens“ (Assagioli, 1992, S. 31).
Gleiches gilt auch für die Aggressivität: „Ein weiterer Urherd menschlichen Übels und menschlicher Fehler ist die Kampflust, die sich auf das Abgrenzungsbedürfnis, die Aggressivität und die Gefühle der Feindseligkeit und des Hasses gründet. In der friedlichen Atmosphäre des Überbewussten können solche Impulse und Gefühle nicht bestehen. Ein Mensch, dessen Bewusstsein erweitert ist, der am Leben teilnimmt und der ein Gefühl des Einsseins mit allen Wesen verspürt, kann nicht mehr kämpfen. Es wäre für ihn etwas Absurdes, es wäre wie ein Ankämpfen gegen sich selbst! Durch die Entwicklung, die Erweiterung und den Aufstieg des Bewusstseins zu einer höheren Realität werden so die schwierigsten und beängstigendsten Probleme gelöst und beseitigt“ (Assagioli, 1992, S. 31).
Ziel der Transpersonalen Psychosynthese, die Assagioli mit einer Bergbesteigung vergleicht, ist „die Vereinigung des individuellen Bewusstseinszentrums mit dem spirituellen Selbst“ (Assagioli, 1992, S. 43). Das individuelle Bewusstseinszentrum bezeichnet er auch als das Personale Selbst oder bewusste Ich, das spirituelle Selbst auch als das höhere Selbst. Auf der langen Bergbesteigung zum Gipfel sind alle Kräfte erforderlich, die bisher entwickelt wurden, sowohl die personalen, wie auch die transpersonalen. Währenddessen gibt es anstrengende Passagen zu überwinden, aber auch schöne Aussichten zu genießen. Letztere sind die Transpersonalen Erfahrungen. Es ist nicht so, dass der Mensch erst dann für die Welt zum Diener wird, wenn er am Gipfel angekommen ist. Jede echte Transpersonale Erfahrung ist von einem bleibenden Wert, der auch immer die Umwelt positiv beeinflusst, sowohl passiv wie aktiv:
„Eine weitere Auswirkung dieser Erfahrungen ist das inspirierte Handeln, der kraftvolle Impuls zur Aktion: das Ausdrücken, Ausströmen, Ausstrahlen und Andere-teilhaben-Lassen an den selbst entdeckten und empfangenen Schätzen. Und dann die Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, eine Zusammenarbeit, die darauf zielt, das Dunkel der Unwissenheit, das die Menschheit umgibt, aufzulösen, die Konflikte beizulegen, die sie zerfleischen und die Geburt einer neuen Zivilisation vorzubereiten, in der die Menschen einig und glücklich sein und das wunderbare latente Potential, mit dem sie gesegnet sind, verwirklichen mögen“ (Assagioli, 1992, S. 44).
Ein Schritt in diese Richtung ist bereits die Interpersonale Psychosynthese. Assagioli hat zahlreiche Methoden entwickelt, mit denen die eigenen interpersonalen Kompetenzen verbessert werden können und zudem das transpersonale Potenzial in die eigenen Beziehungen und sozialen Bezüge hineingebracht und aktualisiert werden kann (vgl. Assagioli, 1978).
Assagiolis Verdienst ist vor allem darin zu sehen, dass er bereits in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts die wichtigsten Gedanken der Transpersonalen Psychologie in einem integralen Persönlichkeitsmodell zusammenfasste und die erste transpersonale Therapieschule gründete. Die Unterscheidung zwischen einem unteren Unbewussten bzw. Unterbewussten, das dem Freudschen Unbewussten entspricht, einem mittleren Unbewussten, welches das Bewusstseinsfeld mit dem Ich oder Personalen Selbst in der Mitte umgibt und dem höheren Unbewussten bzw. Überbewussten, das von dem spirituellen, Transpersonalen Selbst durchstrahlt wird, ist eine Landkarte, die bei vielen anderen transpersonalen Theoretikern (z. B. Scharfetter) mindestens ein halbes Jahrhundert später in fast gleichen Begriffen wieder auftauchte.
Auch der Kerngedanke der Verzerrung essenzieller, transpersonaler Qualitäten in der mehr oder weniger neurotischen, ich-zentrierten Persönlichkeitsstruktur und ihre Möglichkeit zur Transformation ist in späteren Ansätzen unter neuen Namen wiederzufinden (z. B. Almaas). Die Terminologie des Psychosynthese-Modells ist transkulturell und drückt im wesentlichen die Kerngedanken christlicher, jüdischer, buddhistischer, hinduistischer und islamischer Mystik aus.
Biopsychosynthese
Der ursprüngliche Name der Therapieschule von Assagioli lautete „Biopsychosynthese“. Später erkannte Assagioli, dass diese Bezeichnung im Hinblick auf seine transpersonale Zielsetzung zu Missverständnissen führen könnte. Die Überwindung der Dualität von Seele und Körper ist ja nur ein Teil des Psychosynthese-Prozesses. Wesentlichste Praxis der Biopsychosynthese ist die Schulung des Körpergewahrseins. Diese Schulung umfasst sowohl die eher groben Empfindungen wie Schmerzen, Spannungen, Hitze und Kälte, wie auch die feinstofflichen Wahrnehmungen von Energieströmen, Lichtstrahlungen und gefühlten bzw. erlebten Bildern.
Biopsychosynthese berücksichtigt und integriert folgende Modelle: 1. Das Modell der Chakren bzw. Energiezentren, 2. das Modell der feinstofflichen Körper und 3. das Modell der sieben Strahlen. Die zugrundeliegende Prämisse ist die Nichtgetrenntheit von Materie (Körper) und Geist (Seele). In Übereinstimmung mit dem tibetischen Tantrismus und dem indischen Yoga sieht die Biopsychosynthese Materie und Geist als zwei verschiedene Aggregatzustände einer essenziellen Ur-Energie. Das ganze menschliche Spektrum dieser Energie weist aber mehr Abstufungen auf als nur die grobstoffliche Körperform und den selbst-bewussten und erkennenden Geist. Diese Tatsache wird in der transkulturellen, spirituellen Lehre von den feinstofflichen Körpern berücksichtigt. Zudem können nicht nur verschiedene Aggregatzustände bzw. Dichtheitsgrade von Energie unterschieden werden, sondern auch verschiedene Energiequalitäten. Auf der Ebene des kollektiven Unbewussten entsprechen diesen Energiequalitäten die Archetypen, auf der Ebene des mittleren Unbewussten die Teilpersönlichkeiten und auf der Ebene des unteren Unbewussten die verschiedenen Arten von Angst. Aus der Sicht des Überbewussten lassen sich darin die transpersonalen Energiequalitäten bzw. „Strahlen“ in verzerrten Formen erkennen. Sinn von Biopsychosynthese ist die Transformation physiologisch als Spannungen, Schmerzen und Panzer manifestierter Ängste in die zurückgehaltene bzw. verdrängte Seelenenergie. Die Basis-Formel hierfür lautet: Ängste sind zurückgehaltene bzw. ungelebte Qualitäten und Spannungen sind zurückgehaltene bzw. ungelebte Energien.
Psychosynthese in Betrieben und Systemen
Betriebspsychosynthese ist die Anwendung von Psychosynthese auf die Struktur von Betrieben und Unternehmen. Jede Betriebsstruktur beinhaltet bestimmte Rollen, die als Teil des Systems von Mitarbeitern eingenommen werden müssen bzw. können. Passt ein Mitarbeiter nicht in die vorgegebene Rolle, reduziert sich die Stabilität des ganzen Systems. Werden Rollen nicht ausgefüllt, ergeben sich Löcher. Ebenso kommt es zu Instabilitäten des Systems, wenn die Rollenstruktur zu starr ist. Unter- oder Überforderung sowie Missbrauch eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin wirken sich immer ungünstig auf das ganze System aus. Psychosynthese ermöglicht eine optimale Personal- und Ressourcenentwicklung zum Wohle der Gesamtheit, da hier sowohl die individuellen Potenziale wie auch die Komplementarität der verschiedenen Teile innerhalb der systemischen Einheit Berücksichtigung finden. Jede Personalentwicklung und jede Strukturveränderung sollte Ausdruck des natürlichen Synthese-Strebens eines lebendigen Systems sein.
Grundsätzlich gibt es zwei Motivationsarten: Vermeidungsmotivation und Wachstumsmotivation. Vermeidungsmotivation gründet auf Angst vor Bestrafung bzw. Unannehmlichkeiten. Wachstumsmotivation gründet auf dem Motiv der persönlichen Entwicklung, von dem das Herausforderungsmotiv ein Aspekt darstellt. Diese beiden Motivationsarten lassen sich auch mit den physikalischen Begriffen „Druck“ und „Sog“ vergleichen. Durch Angst motivierte Arbeit ist Arbeit „unter Druck“. Sowohl der Arbeitnehmer leidet darunter, seelisch und körperlich, wie auch die Qualität der Arbeit. Wachstumsmotive hingegen erzeugen Sinn, Freude und Kreativität und üben dadurch einen Sog aus: Sie „ziehen“ einen nach oben. Leistungen, die nicht durch Angst bzw. Druck, sondern durch Kreativität und Freude motiviert sind, gelingen nicht nur müheloser und ökonomischer, sondern führen meistens auch zu qualitativ hochwertigeren Ergebnissen. Zudem verringern sich die durch Krankheit bedingten Ausfälle der Mitarbeiter. Dass dennoch in den meisten Betrieben mit einem „Druck-System“ gearbeitet wird, liegt nicht immer nur an falschen Philosophien, sondern in vielen Fällen auch an menschlichen Unzulänglichkeiten von Vorgesetzten. Die psychologische Schulung von Vorgesetzten findet entweder kaum oder gar nicht statt, oder aber sie enthält lediglich die primitive Motivationstheorie der operanten Konditionierung, die durch Druck (Bestrafung) und Händedruck (Belohnung) funktioniert, und daher außer Druck nichts zu bieten hat. Die Natur lehrt uns jedoch, dass nichts durch Druck, sondern nur durch Sog wächst. Dies ist die Hinwendungsmotivation, basierend auf Liebe, nicht die Vermeidungsmotivation, die auf Angst gründet.
Literatur:
Assagioli, R. (1978): Psychosynthese - Prinzipien, Methoden und Techniken. Aurum Verlag, Freiburg i.B.
Assagioli, R. (1992): Psychosynthese und transpersonale Entwicklung. Junfermann Verlag, Paderborn.
Assagioli, R. (1982): Die Schulung des Willens. Methoden der Psychotherapie und der Selbsttherapie. Junfermann-Verlag, Paderborn.
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